Entdenkungsreisen


Hubert
22 November 2010, 16:36
Filed under: Ausgegraben & Abgestaubt | Schlagwörter: ,

Hubert flog nicht oft, denn er lebte lieber länger
und der Weg zum Honigtopf endet oft am Fliegenfänger.
Aus Angst vor verkohlten Fühlern und verbrannter Stirn,
flog er auch nie mit seinen großen Brüdern um den Lampenschirm.
Er meinte, nur ein krankes Hirn fliegt, wenn es nicht nötig ist,
auch wenn da oben Schlampen schwirren, mit denen alles möglich ist.
„Fliegt ohne mich, denn ich fühl mich abgeschlafft;
sonst fall ich in ein Glas mit Apfelsaft und werde platt gemacht.
Oder ende als Fußnote auf ner Schustrophe!“
Die andern Fliegenjungs liefen uns als Mutprobe
auf den Köpfen rum, schwärmten aus,
tranken mit Stechmücken aus Beckspfützen, Hubert hätt so gern getauscht.
Mit einem Traumtänzer, einem furchtlosen Draufgänger,
der mit festen Flügelschlägen ohne viel zu überlegen,
durch die Lüfte tanzt – seine Kreise zieht
und es den tollsten Fliegenmädchen auf der Fensterscheibe gibt!
Weil Hubert nämlich schon beim kleinsten Luftzug Panik packte,
saß er die ganze Zeit nur in einer alten H-Milch Flasche –
traute sich nicht raus, drückte sich an dem gekrümmten Glas
die Nase platt und zitterte vor seinem jüngsten Tag.
Sogar die Mückenlarven haben viel gelacht
über den Schisser in der Flasche, der immer gleich die Fliege macht.
Einer Einladung zur Party ist Hubert nie gefolgt
und das wunderte eigentlich keinen aus dem Fliegenvolk,
weil er schon als Made nicht gerade waghalsig war.
Doch auf einmal wurde es unserem Hubert schlagartig klar:
„Ich bin lang genug nur auf der Bank gesessen, Zeit ins Spiel zu gehen.
Es gibt auf dieser Welt an anderen Plätzen noch so viel zu sehen.
Morgen wird mein großer Tag –
Ich hör nicht auf herumzufliegen bis ich die ganze Welt erobert hab!
Ich schwebe durch den Flaschenhals in Richtung Morgensonne
und erforsche jeden Ort, den ich noch nicht erforschen konnte.
Mach ne dicke Party –
Tanz mit der schicken Gabi auf verfaulten Pampelmusen
und hier, könnt ihr mich dann lange suchen!
Denn auch wenn ich mir noch bis Morgen Zeit lasse –
Ich muss jetzt endlich mal raus aus dieser scheiß Flasche –
und leben, weil ich die Chance dazu nur einmal kriege!“
schwor sich der arme Hubert, die kleine Eintagsfliege.

Blumentopf – Carsten & Hubert (1999)

Advertisements

1 Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar

Armer kleiner Hubert!
Flieg Hubert, flieg! Trau dich!

Kommentar von abraxandria




Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



Dyslexia and Me

Trials and Triumphs: A Lifetime's Experience with Dyslexia, Dyspraxia and Scotopic Sensitivity Syndrome.

Herzensköchin

Foodblog mit alltagstauglichen Rezepten aus dem Süden von München

Unerhörte Worte

Nur das ist wahr, worüber es geschriebene Worte gibt

BLOGPUPPE.

AUSFLIPPEREI

.knallrosa tagebuch

blätter, die die welt bedeuten

Mixtape

Ein bunter Bandsalat aus der Musikkonserve

%d Bloggern gefällt das: